Das Moosweiblein
So erzählt man es sich im Harz seit vielen Generationen über das Moosweiblein.
Der Wald dort wirkt manchmal still, fast leer. Kein Wind, kein Tier, kein Laut. Aber die Menschen sagen: Der Wald ist nicht wirklich leer, es gibt das Moosweiblein. Sie sieht, was unter seinen Bäumen geschieht, und merkt sich jeden, der durch ihn geht. Wer den Wald betritt, geht nicht nur zwischen Bäumen und Schatten, sondern in einen Ort, der älter ist als die Wege und Dörfer der Menschen.
Tief im Wald sollen die Moosweiblein leben. Kleine Gestalten, mit grünen Gewändern, fast wie aus Moos selbst gemacht. Nur selten zeigt sich eines von ihnen einem Menschen. Meist bewegen sie sich so leise wie Tau am Morgen. Sie kennen jeden Pfad, jede Senke und jede Stelle, an der sich schon einmal ein Wanderer verlaufen hat.
Menschen, die achtsam sind, helfen sie manchmal. Dann scheint der richtige Weg plötzlich wieder sichtbar zu werden. Ein Durchgang im Dickicht öffnet sich, oder man findet genau im richtigen Moment aus dem Wald hinaus.
Wer aber achtlos durch den Wald geht, dem helfen sie nicht. Der läuft weiter und weiter, bis die Wege verschwinden und der Wald ringsum immer dichter wird.
Die Moosweiblein hinterlassen Zeichen. Eine Kerbe im Baum, ein seltsames Muster im Moos oder eine Wurzel, die quer über den Pfaden liegt. Wer diese Zeichen bemerkt, findet seinen Weg. Wer sie übersieht, gerät immer tiefer hinein.
Doch in den Rauhnächten verschwinden die Moosweiblein. Dann wird der Wald still und schwer, als würde er den Atem anhalten. Denn in diesen Nächten zieht die Wilde Jagd durch die Dunkelheit.
Zuerst hört man sie weit entfernt, wie ein Rauschen ohne Wind. Dann Hörner, Rufe und ein Lärm, der weder zu Tieren noch zu Menschen gehört. Die Jagd rast durch den Wald und nimmt mit, was zu schwer geworden ist: Hochmut, Gier und manchmal auch Menschen, die vergessen haben, dass sie im Wald nur Gäste sind.
Am Morgen, so heißt es, findet man manchmal seltsame Spuren im Schnee. Spuren, die zu keinem Tier passen. Oder Wege, die plötzlich enden, als wäre dort nie einer gewesen.
Wenn die Wilde Jagd vorüber ist, kehren die Moosweiblein zurück. Sie legen Moos über offene Stellen, lassen den Wald wieder ruhig werden und sprechen nicht über das, was geschehen ist.
Und so sagt man im Harz bis heute:
Wer aus dem Wald zurückkehrt, ohne genau zu wissen, wie er den Weg gefunden hat, den hat der Wald gehen lassen. Doch vergessen wird dort kein Schritt. Der Wald selbst entscheidet, wen er behält und wen nicht.

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